SOG kooperiert mit LMU-Forschungsprojekt

Die SOG freut sich über die Kooperation mit dem Forschungsprojekt „Die Kinder des Balkans: Bosnien und Herzegowina“, welches am Geschwister-Scholl-Institut für Politikwissenschaft, Lehreinheit Politische Bildung und Didaktik der Sozialkunde der Ludwig-Maximilians-Universität München durchgeführt wird.

Das Forschungsprojekt „Die Kinder des Balkans – Zwischen Identitätsfindung, Nationalbewusstsein und Religiosität“ des Geschwister-Scholl-Instituts für Politikwissenschaft der Ludwig-Maximilians-Universität München stellt ein interdisziplinäres und europäisch vernetztes Forschungsvorhaben von deutlicher gesellschaftlicher- und politikwissenschaftlicher Relevanz dar. In enger Kooperation mit der Universität Sarajevo widmet es sich der wissenschaftlichen Analyse der Entwicklungs- und Identitätsprozesse junger Generationen in Bosnien und Herzegowina sowie von Kindern und Jugendlichen mit bosnischen Wurzeln, die in Deutschland aufwachsen und sozialisiert werden. 

Das Projekt schafft durch die Verbindung der gesellschaftlichen, kulturellen und politischen Entwicklungen in Bosnien und Herzegowina mit den Erfahrungen verschiedener Gruppen der bosnischen Diaspora in Deutschland einen innovativen Forschungsraum, in dem Fragen nach Integration, Zugehörigkeit und Erinnerung im europäischen Kontext untersucht werden. Dabei wird deutlich, dass Identität nicht als abgeschlossenes „Produkt“ erscheint, sondern als relationale und situativ hervorgebrachte Praxis, die sich im Zusammenspiel historischer Erfahrungen, kollektiver Gedächtnisformen und aktueller gesellschaftlicher Positionierungen ständig neu konstituiert. Theoretische Ansätze und empirische Perspektiven aus Migrationsforschung, politischer Bildung, Religionswissenschaft und transnationaler Erinnerungskultur werden zu einem kohärenten interdisziplinären Rahmen verbunden. Primäres Ziel ist es, die Beziehungen zwischen individueller Biografie, sozialer Einbindung und kollektiver Erinnerung analytisch zu erfassen und daraus neue Erkenntnisse für die europäische Identitätsforschung sowie Impulse für die Förderung demokratischer Bildungsprozesse zu liefern. 

Die gesellschaftspolitische Relevanz des Projektes ergibt sich aus seiner Verortung in einem Spannungsfeld von Erinnerungskultur, nationalen Narrativen und religiösen Orientierungen. In Zeiten, die von ethnopolitischer Fragmentierung, populistischen Bewegungen und religiös aufgeladenen Diskursen geprägt sind, kann das Forschungsvorhaben einen Beitrag zum Verständnis der Mechanismen sozialer Integration und des demokratischen Zusammenhalts im europäischen Kontext leisten. Die Analyse der Identitätsentwicklung in postkonfliktiven Gesellschaften sowie innerhalb der verschiedenen Diaspora verdeutlicht, dass politische Bildung weit über reine Wissensvermittlung hinausgeht. Sie fungiert hierbei als reflexive Praxis gesellschaftlicher Selbstverständigung und als zentrales Instrument zur Förderung politischer Mündigkeit, pluralistischer Werteorientierung und interkultureller Verständigung. 

Bosnien und Herzegowina steht exemplarisch für die Herausforderungen und Chancen solcher Transformationsprozesse. Als historisch gewachsene Schnittstelle unterschiedlicher Kulturen, Religionen und politischer Ordnungen treffen in diesem Land transnationale Einflüsse und lokale Traditionen auf komplexe Weise aufeinandertreffen. Diese Vielschichtigkeit spiegelt sich in den Biografien junger Menschen wider, deren Identitätsfindung in einem hybriden sozialen Umfeld erfolgt, in dem Fragen nach Zugehörigkeit, Differenz und Selbstverortung eng mit Integration, gesellschaftlicher Teilhabe und transnationalen Erfahrungen verknüpft sind. Das Projekt eröffnet somit Einblicke in die Wechselwirkungen zwischen individueller und kollektiver Identität und zeigt, wie Bildungsprozesse einerseits Brücken zwischen biografischer Erfahrung, sozialem Umfeld und demokratischer Partizipation schlagen und andererseits Impulse für die Auseinandersetzung mit europäischen Wertediskursen geben kann. 

Die Interdisziplinarität bildet in diesem Kontext das Fundament des gesamten Forschungsvorhabens, da insbesondere die Disziplinen Politikwissenschaft, Soziologie, Pädagogik, Geschichte und Religionswissenschaft systematisch verknüpft werden. Die methodische und thematische Verschränkung dieser Fachrichtungen überwindet die Grenzen einzelner wissenschaftlicher Traditionen und ermöglicht ein umfassendes Verständnis komplexer sozialer Phänomene. Qualitative, quantitative sowie Mixed-Methods-basierte Designs erlauben eine vertiefte Analyse der Wechselwirkungen zwischen Nationalbewusstsein, Religiosität und europäischem Wertekanon. 

Die Forschungspraxis reflektiert nicht nur die Vielfalt sozialer Realitäten auf dem Balkan, sondern entwickelt auch innovative Analyseansätze für vergleichbare Transformationsprozesse in Europa. Ein charakteristisches Merkmal des Projekts ist die konsequente Verzahnung von Theorie und Praxis. Die Erkenntnisse aus der Forschung werden gezielt in die Bildungsarbeit transferiert, etwa in Form didaktischer Konzepte, schulischer Curricula, außerschulischer Projekte sowie Fortbildungsprogramme für Lehrkräfte. Auf diese Weise können wissenschaftliche Reflexionen Impulse für gesellschaftliche Diskurse und Bildungsprozesse geben. 

Besondere Bedeutung kommt der Kooperation zwischen der Ludwig-Maxmilians-Universität München und der Universität Sarajevo zu. Diese Partnerschaft stärkt die europäische Forschungslandschaft, fungiert als Modell transnationaler akademischer Vernetzung und ermöglicht die institutionelle Verankerung nachhaltiger Kooperationsstrukturen. Durch die gemeinsame Wissensproduktion über kulturelle und nationale Grenzen hinweg wird der Dialog über Werte, Demokratie und Zugehörigkeit intensiviert. 

Das Forschungsprojekt steht unter der Leitung von Prof. Dr. Markus Gloe und Oberstudienrätin Havva Doksar vom Geschwister-Scholl-Institut für Politikwissenschaft – Lehreinheit Politische Bildung und Didaktik der Politik und Gesellschaft der Ludwig-Maximilians-Universität München. Im Rahmen des Forschungsprojekts wird derzeit ein Sammelband erstellt, der in Zusammenarbeit von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern der LMU München und der Universität Sarajevo entsteht.

Prof. Dr. Markus Gloe & OStRin Havva Doksar