Geschichte der SOG

Wiederaufbau der Beziehungen zur Region in der Nachkriegszeit

Die Südosteuropa-Gesellschaft (SOG) wurde 1952 in München mit dem Ziel gegründet, die durch den Weltkrieg zerrütteten Beziehungen zu den Ländern der Region neu aufzubauen. An der Nahtstelle zwischen Wissenschaft, Politik, Wirtschaft und Medien war das Ziel den Wissens- und Kulturaustausch zu fördern, Fachkenntnisse in die Öffentlichkeit zu vermitteln und professionelle Netzwerke zu knüpfen.

Gründung der SOG erfolgte maßgeblich durch die NS-Zeit belastete Persönlichkeiten 

Die Initiative ging vom Historiker Fritz Valjavec aus, der auch dem 1930 gegründeten und 1951 wiedereröffneten Münchner Südost-Institut als Geschäftsführer (und später Direktor) vorstand. Parallel zur SOG gründete Valjavec 1952 in München das Südostdeutsche Kulturwerk und 1957 die Südostdeutsche Historische Kommission. 

Unterzeichner der ersten Satzung der Südosteuropa-Gesellschaft im Jahr 1952
Unterzeichner der ersten Satzung der Südosteuropa-Gesellschaft im Jahr 1952

Fritz Valjavec und zwölf weitere Gründer der Südosteuropa-Gesellschaft kannten sich größtenteils bereits aus der Kriegs- und Vorkriegszeit. Unter ihnen waren die Professoren Fritz Valjavec, Harold Steinacker, Hans Koch, Hans Übersberger, Hans Hartl, Franz Hamm, Johann W. Mannhardt und Josef Matl sowie Dr. Boris Tschoban, Dr. Franz H. Riedl, Dr. Hermann Maurer, Msgr. Albert Büttner und Karl August Fischer. Alle hatten ihre Karrieren im NS-Staat gemacht. Als Mitglieder der NSDAP oder anderer NS-Organisationen hatten sie ihre Kenntnisse mehr oder weniger eng in den Dienst der Hitler‘schen Volkstums- und Eroberungspolitik gestellt. Nichtsdestoweniger konnten sie ihre Laufbahnen in der frühen Bundesrepublik fortsetzen, indem sie ihre Vergangenheit verschleierten und sich der im Kalten Krieg nunmehr gefragten „Gegnerforschung“ andienten. 

Auch Fritz Valjavec hatte sich zur Zeit des „Dritten Reiches“ in der Volkstums- und Gegnerforschung engagiert. Er trug den Rang eines SS-Untersturmführers und tat als Dolmetscher Dienst in einer Einsatzgruppe der Sicherheitspolizei und des SD im Ostkrieg. Da er sich politischen Angriffen ausgesetzt sah, fungierte er seit 1952 lediglich als Vorstand bzw. geschäftsführendes Präsidiumsmitglied der SOG. Das öffentlichkeitswirksame Amt des Präsidenten übernahm im Jahr 1954 eine historisch unbelastete Persönlichkeit: der Wirtschaftswissenschaftler und SPD-Politiker Wilhelm Gülich, der kein Mitglied der NSDAP gewesen war. 1960 folgte ihm der Journalist und CDU-Politiker Rudolf Vogel, dessen NS-Vergangenheit erst spät publik wurde (siehe unten).

Auf allen Ebenen – Vorstand, Mitarbeiter und Mitglieder – dominierten in den 1950er Jahren Kontinuitäten zur NS-Zeit. Die personellen Verbindungen zum Hitler-Regime, das Südosteuropa mit einem beispiellosen Angriffs-, Ausplünderungs- und Vernichtungskrieg überzogen hatte, erschwerte es der SOG zunächst, mit Wissenschaftlern aus den (nun größtenteils kommunistisch regierten) Ländern der Region in Kontakt zu treten. Misstrauen erweckte zudem, dass die Gesellschaft als Sammelbecken ehemaliger Volkstumspolitiker, Vertriebener und Emigranten fungierte.

Beginnender Generationenwechsel und Ausbau des Programms in den 1960er Jahren

Wenngleich die historischen Belastungen noch länger nachwirkten, gelang es der SOG in den 1960er Jahren, durch ihre Jahrestagungen, Hochschulwochen und Konferenzen die Zusammenarbeit mit den Partnerländern auf- und auszubauen. Durch die 1961 entstandenen „Südosteuropa Mitteilungen“ gewann sie zudem größere Sichtbarkeit und auch Ansehen in der internationalen Fachwelt. 

Als Mittlerorganisation im Rahmen einer „dritten Säule“ der deutschen Außenpolitik, der Auswärtigen Kultur- und Bildungspolitik, erhielt die SOG bereits in den 1960er Jahren institutionelle Zuwendungen des Auswärtigen Amtes. Dies erlaubte es, ein immer umfangreicheres Veranstaltungs- und Publikationsprogramm zu entwickeln und neue Themengebiete zu erschließen. 

In den 1960er Jahren fand zudem ein Generationenwechsel statt. 1965 wurde der CSU-Bundestagsabgeordnete Walter Althammer Präsident der Gesellschaft; Nachfolger wurde im Jahr 2000 der SPD-Bundestagsabgeordnete und profilierte Außenpolitiker Gernot Erler. Seit 2020 wird die SOG vom ehemaligen Bundestagsabgeordneten Manuel Sarrazin (Bündnis 90/Die Grünen) geführt. 

Neue Aufgaben nach dem Ende des Kalten Kriegs

Seitdem sich 1989 die Blockbildung in Europa auflöste, widmete sich die SOG besonders der gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Transformation in den ehemals sozialistischen Ländern. Bald darauf zogen die jugoslawischen Nachfolgekriege eine immer intensivere und aktuellere Ausrichtung der operativen Arbeit der SOG nach sich. Neben wissenschaftlichen Aktivitäten unterschiedlicher Fachbereiche gehören bis heute auch Track-Two-Aktivitäten dazu, wie die Vernetzung der Zivilgesellschaften in und mit der Region auf Konferenzen und Workshops.

Ausschnitt eines Artikels des Journalisten Michael Martens über die Vergangenheit Rudolf Vogels/ Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 10. Februar 2013
Ausschnitt eines Artikels des Journalisten Michael Martens über die Vergangenheit Rudolf Vogels/ Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 10. Februar 2013

Im Jahr 2013 begann die SOG, ihre Geschichte aufzuarbeiten, nachdem die NS-Propagandatätigkeit des früheren Präsidenten Rudolf Vogel aufgedeckt worden war. Die bis dahin verliehene „Rudolf-Vogel-Medaille“ wurde daraufhin in „Journalistenpreis der Südosteuropa-Gesellschaft“ umbenannt. Im selben Jahr fand das Symposion „Vor- und Gründungsgeschichte der Südosteuropa-Gesellschaft: Kritische Fragen zu Kontexten und Kontinuitäten“ statt (Bericht). Das Archiv der Südosteuropa-Gesellschaft wurde dem Bayerischen Hauptstaatsarchiv übergeben und steht seitdem der Forschung zur Verfügung. Zuletzt widmete sich die SOG dem Thema “Forgotten Aspects of Germany’s Historic Responsibility - German Occupation in Southeast Europe During World War II” im Rahmen einer internationalen Konferenz im Jahr 2025 in Berlin. Die Aufarbeitung der deutschen Südosteuropapolitik und -forschung zur Zeit des NS ist damit allerdings längst nicht abgeschlossen.

Heute stehen Konfliktlösung, Demokratisierung, sozial-ökonomische Umgestaltung sowie die europäische Integration der südosteuropäischen Länder weiter im Zentrum zahlreicher Veranstaltungen. Zudem werden transnationale und globale Herausforderungen bearbeitet, darunter Migration und demografische Krisen, Klimawandel und Umweltschutz. Nicht zuletzt richtet die SOG ihr Augenmerk verstärkt auf die Rolle externer Mächte in der Region. In all dem bleiben aber nach wie vor auch Sprachen, Kulturen und Geschichte der Region zentrale Themenfelder ihrer Arbeit.

 

Text: Prof. Dr. Marie-Janine Calic, September 2026


Beiträge zur Vor- und Gründungsgeschichte der Südosteuropa-Gesellschaft